Wie kann Wohnen und Bauen in unserer Region zukunftsfähig, lebenswert und zugleich bezahlbar gestaltet werden? Dieser Frage widmete sich die Veranstaltung „Bauen und Wohnen in unserer Heimat. Wohin geht der Weg?“ im Gasthaus Wirts’Kathi in Kirchdorf am Inn. Der bewusst gewählte Veranstaltungsort – ein historisches Gasthaus, das in absehbarer Zeit umfassend saniert wird – stand sinnbildlich für den zentralen Spannungsbogen des Abends: den Umgang mit bestehender Bausubstanz zwischen Identitätsbewahrung und notwendiger Erneuerung. Der Einladung waren auch viele Bürgermeister und Gemeinderäte aus der Region gefolgt.
Begrüßt wurden die Besucherinnen und Besucher von Monika Wagmann, Diözesansekretärin der KAB Rottal-Inn und Geschäftsführerin des KAB-Bildungswerks der Diözese Passau. In ihrer Einführung machte sie deutlich: Wohnen betrifft uns alle. Es geht um Lebensqualität, um Heimat und Identität – und ganz konkret um die Frage, wie gutes Wohnen heute und morgen für möglichst viele Menschen leistbar bleiben kann. Ziel des Abends sei es, Impulse aufzunehmen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und den offenen Dialog zu fördern. Moderiert wurde der Abend von Larissa Hausberger, Fachplanerin für vorbeugenden Brandschutz und zweite Bürgermeisterin der Gemeinde Zeilarn. In ihrem thematischen Einstieg betonte sie, dass Wohnen ein Grundbedürfnis sei, sich jedoch zunehmend zu einem der größten sozialen und politischen Konfliktfelder entwickle. Sie lud das Publikum ein, den eigenen Blick auf das Thema bewusst zu reflektieren.
An der Podiumsdiskussion beteiligten sich vier Fachleute mit unterschiedlichen Perspektiven: Marcel Seehuber erläuterte das Konzept des SauRiassl-Syndikats, das gemeinschaftliche Wohnformen mit Genossenschaftsstruktur umsetzt. Diese reichen von kleinen Häusern mit zwei Parteien bis hin zu größeren Wohnprojekten mit bis zu 17 Parteien, oft ergänzt durch Gemeinschaftsräume oder Carsharing-Modelle. Seehuber, der sich seit 2018 engagiert und ursprünglich Filmemacher ist, machte deutlich, dass Wohnen auch eine soziale Frage sei.
Lorenz Bieringer sprach mit sichtbarer Leidenschaft über seine rund 15-jährige Beschäftigung mit historischen Gebäuden – „oidem Glump“, wie er augenzwinkernd sagte. Ob alte Höfe, Wohnhäuser oder ein Schloss: Für ihn gelte beim Sanieren stets der Grundsatz „Qualität vor Geschwindigkeit“. Sorgfalt, Respekt vor der Substanz und langfristiges Denken seien entscheidend.
Prof. Dr. Roland Augustin brachte die Perspektive der modernen Bauwissenschaft ein. Zwar stehe heutiges Bauen unter strengen Normen und Vorgaben, doch betonte er zugleich, wie wertvoll das Wissen über historische Baumaterialien und Bauweisen sei. Viele alte Gebäude stünden seit 300 oder 400 Jahren – eine Haltbarkeit, die auch heute wieder stärker in den Fokus rücken müsse. Die zentrale Frage laute: Wie werden die Gebäude, die wir heute errichten, in 50 Jahren aussehen?
Prof. Dr. Simone Linke richtete den Blick auf die klimaangepasste Stadt- und Regionalplanung. Sie ist verantwortlich für den neuen Studiengang „Grüne Stadtplanung“ und machte deutlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels längst nicht mehr nur Städte betreffen. Auch ländliche Räume stünden vor großen Herausforderungen, etwa durch zunehmende Hitze, Versiegelung und den Verlust von Grünflächen.
In der Diskussion wurde deutlich: An Wohnfläche mangelt es nicht – vielmehr ist sie häufig falsch verteilt und nicht zeitgemäß genutzt. Große Potenziale liegen in bestehenden Gebäuden, in Leerständen, ungenutzten Räumen und Ausbaureserven. Wenn diese konsequent in den Blick genommen würden, ließe sich dringend benötigter Wohnraum schaffen, ohne weitere Flächen zu versiegeln. Gleichzeitig wurde betont, dass es mehr positive und vielfältige Wohnalternativen braucht. Neue Wohnformen, gemeinschaftliche Modelle und flexible Grundrisse können dazu beitragen, den unterschiedlichen Lebensrealitäten besser gerecht zu werden. Dabei ist ein vernetztes Denken erforderlich – über Einzelinteressen, Zuständigkeiten und klassische Planungsgrenzen hinaus.
Ein zentraler Punkt der Diskussion war zudem die Frage, was künftige Generationen tatsächlich brauchen, um gut wohnen zu können. Diese haben andere Anforderungen als frühere Generationen: mehr Flexibilität, andere Formen des Zusammenlebens, veränderte Arbeitsmodelle und ein stärkeres Bewusstsein für ökologische und soziale Aspekte. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer genaueren Analyse von Bedarf und Nutzung.
Dass zahlreiche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Gemeinderäte unter den Teilnehmenden waren, unterstrich die hohe kommunalpolitische Bedeutung des Themas und den Wunsch, die diskutierten Impulse auch in konkrete Entscheidungen vor Ort einfließen zu lassen.
Einigkeit bestand schließlich darin, dass es ein gesundes Maß aus Neubau und Sanierung braucht. Nicht entweder oder, sondern ein kluges Zusammenspiel beider Ansätze ist entscheidend, um Wohnen langfristig bezahlbar, lebenswert und zukunftsfähig zu gestalten.